be Berlin - be Besetzt!

30. November 2009 - Beitrag geschrieben von Henning

HU Berlin besetztAuf dem weiträumigen Campus der Freien Universität ist vom Bildungsstreik wenig zu sehen. Die Dahlemer Villen stehen am Sonnabend wie unbewohnt in der Herbstsonne, nur vereinzelt künden Transparente und Poster vom Streik. Anders in der Silberlaube, dem größten Gebäude der FU. Ein Zelt auf dem Flur lässt erahnen, dass es nicht so ist wie gewöhnlich: Hörsaal 1a wurde besetzt. Im Foyer stehen Stellwände mit den streiktypischen Forderungen, Material auf Infotischen erläutert die Hintergründe. Daneben wurde eine Küche improvisiert, Kaffee und Kuchen stehen bereit.

Auch am Wochenende haben sich rund ein Dutzend Protestler zusammengefunden. Sie sitzen auf Sofas oder dem Teppichboden, spielen Gitarre und organisieren weitere Aktionen. Insgesamt sind es etwa 80, die sich aktiv an der Besetzung beteiligen. Zur Vollversammlung am 11. November, als die Besetzung beschlossen wurde, erschienen sogar 700. Für die Wochentage wurde ein Alternativprogramm zum regulären Lehrbetrieb auf die Beine gestellt, die Themen reichen von Bildungs- und Hochschulpolitik bis zu Klimawandel oder Asylrecht.

Im besetzten Auditorium hämmern die Mitglieder der AG Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in ihre Laptops. Und die Mühe trägt Früchte: Berliner Medien verfolgen die Besetzung mit regem Interesse, Gewerkschaften erklären sich solidarisch, zahlreiche Musiker sorgen für ein kulturelles Rahmenprogramm. Aktivisten aus Wien, Tübingen und anderen Städten besuchen die Protestierenden, die Nachbarn aus Potsdam schauen häufiger vorbei. Im Gegenzug reisen die Berliner nach München, wo ein Vernetzungstreffen von Streikenden aus den drei deutschsprachigen Ländern stattfindet.

HU Berlin HauptportalSzenenwechsel: Berlin-Mitte. Aus dem Portal der Humboldt-Universität weht ein Transpi über Deutschlands berühmtester Straße. „Besetzt“ steht darauf, Touris und Operngänger unter den Linden sollen wissen, was Sache ist. Marx’ 11. These über Feuerbach, die in goldenen Lettern die Eingangshalle ziert, bekommt einen doppelten Sinn. Veränderung statt bloßer Interpretation, das lässt sich auch auf den Bildungsstreik übertragen. Um die Sinnbildlichkeit auf die Spitze zu treiben, ist auch noch das Denkmal des Uni-Gründers Wilhelm von Humboldt unter einem Kasten verschwunden – aus Schutz vor dem kalten Berliner Winter.

Im Innern bietet sich ein ähnliches Bild wie an der FU. Zwar herrscht im klassizistischen Bau mehr Ambiente als in der Dahlemer Laube, aber auch hier ist seit dem 11.11. das Audimax besetzt. Die preußische Strenge der kahlen Wände ist von einem Meer bunter Plakate verdeckt. Es gibt veganen Mittagstisch, Reggae-Musik läuft im Hintergrund. Hier sind es knapp 100 Aktive und etwa 50, die das Plenum besuchen, täglich um 18h, wenn im nahen Berliner Dom die Glocken läuten – es scheint, als würde die Kirche zur Studi-Versammlung laden. Die Medis kommen aus der Charité hinüber in die Dorotheenstadt, ein eigener Blog informiert über aktuelle Ereignisse, und der Außencampus der HU in Berlin-Adlershof wird sogar per live-Schalte eingebunden.

HU Berlin veganes AbendessenPositive Resonanz von Dozenten erfährt man vielfältig. Regelmäßig arbeiten Professoren und andere Lehrende aktiv mit, etwa indem sie Forderungen formulieren oder gemeinsam mit Studis Finanzmaßnahmen zur internen Umstrukturierung erörtern. Präsident Christoph Markschies wollte die Hochschule nach der Besetzung zunächst räumen lassen. Davon ist er inzwischen abgerückt, stattdessen erscheint er zur VV und erkennt auch einzelne Kritikpunkte an. Konsens zwischen ihm und den Protestlern ist die Notwendigkeit, die neuen Studiengänge zu überarbeiten. Ebenso kritisiert er die Anweisungspflicht bei Vorlesungen und das sogenannte Funktionsstörungsattest. Dieses Wortungetüm bezeichnet eine Neuerung bei Krankschreibungen: Die werden nämlich nicht mehr grundsätzlich anerkannt, sondern der behandelnde Arzt hat die Diagnose anzugeben, wobei dann vom Prüfungsausschuss des jeweiligen Instituts über die Prüffähigkeit entschieden wird. Viele sehen dadurch die Schweigepflicht verletzt. Außerdem versprach Präsident Markschies, eine Reform der Studiengänge auf institutioneller Ebene zu checken. Die grundsätzliche Abschaffung der Anwesenheitspflicht und die Einführung einer Viertel-Parität in allen Gremien stoßen jedoch auf wenig Gegenliebe.

Vom Dialog mit ihren Lehrenden können Studis der FU nur träumen. Lediglich rund 30 Dozierende folgten der Einladung zur gemeinsamen Diskussionen. FU-Präsident Lenzen, der vor einem Wechsel an die Universität Hamburg steht, ließ sich gar nicht blicken. Ihm wird ohnehin ein mangelnder Kontakt zu den Studierenden vorgeworfen. „Ich hab’ den Mann noch nie gesehen“, sagt Psychologie-Studentin Maxi lakonisch und erntet dafür nickende Köpfe. Lenzen wird beschuldigt, seine Hochschule autokratisch zu führen.

HU Berlin TranspiMit der Kampagne „Dieter Lenzen – not my president“ wurde sogar versucht, ihm durch eine Urabstimmung unter der Studierendenschaft den Rücktritt nahezulegen. Seine Beratertätigkeit bei der neoliberalen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft wird als Indiz gesehen, dass er die Lehre stark den Interessen der Wirtschaft angleichen will. Nicht nur bei Studis ist Lenzen umstritten. Universitätsintern bemängelt man seine angebliche Fixierung auf Spitzenforschung, und auch der Berliner Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner soll andere Vorstellungen von der Ausrichtung der FU haben.

Doch Lenzen ist nur Symptom eines grundsätzlichen Missstands, der Anlass zum Streik gibt. Vergleiche mit ‘68, wie sie in den letzten Wochen vermehrt aufkommen, hört man aber an der Universität Rudi Dutschkes ungern. „Das geht mir auf den Keks, weil wir nichts kopieren wollen“, meint Inga. Die Studentin der Theaterwissenschaften sieht zu unrecht Parallelen gezogen. „Einfach nur daneben“, findet Karina, die an der HU eingeschrieben ist, den Vergleich. Ging es damals um einen umfassenden Wandel der bestehenden Verhältnisse in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, konzentrieren sich heutige Studis auf das Thema Bildung.

HU Berlin AudimaxZwar wenden sich einzelne Plakate gegen Eliten oder den Welthunger. Aber es gibt weder ein zweites Vietnam, noch Notstandgesetze oder eine totgeschwiegene NS-Vergangenheit. Bloß eine kleine Box zwischen leeren Bierflaschen sammelt Umfragezettel zum Afghanistan-Einsatz. Das bedeutet nicht, dass ein Zusammenhang mit anderen gesellschaftlichen Feldern ausgeschlossen wird. „Aber Protest muss konkret sein und irgendwo anfangen“, sagt SoWi-Student Hans-Hermann und gibt damit die Hoffnung nicht auf, dass der Protest auch auf andere soziale Bewegungen überspringt.

Nur drei Kilometer entfernt, am Ernst-Reuter-Platz, haben die Besetzer der TU dagegen aufgegeben. Zu wenig Aktive waren es am Ende, um eine permanente Besetzung aufrecht zu erhalten. Der Bildungsstreik ist labil und die Frage offen, ob er sich fortsetzt oder rasch versiegt, wenn die anfängliche Euphorie flöten geht. Berlin StudisSein Erfolg hängt wohl davon ab, ob es den Studis gelingt, auch andere gesellschaftliche Gruppen, Gewerkschaften oder Parteien für ihr Anliegen zu mobilisieren. Denn ein Thema in der politischen Agenda fest zu implementieren ist ein Prozess, der sich über Jahre hinziehen kann. Und Studis allein, belastet von vollen Stundenplänen und kurzen Studiengängen, haben dafür nicht den ausreichend langen Atem.


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