Noch mehr Geld für die Elite

10. Juli 2010 - Beitrag geschrieben von Markus

Der Bundesrat sagt Nein zur Bafög-Erhöhung und Ja zum Stipendienprogramm. Ein Kommentar von Stipendiat Markus W., der seine eigene Büchergelderhöhung ablehnt.

Unglaublich: Als im vergangenen Herbst knapp 100.000 Studierende und SchülerInnen auf die Straße gingen und an nahezu jeder größeren Uni Hörsäle besetzt wurden, versprach Bildungsministerin Schavan noch vollmundig eine Erhöhung des Bafögs. Das wurde jetzt kurzerhand von der schwarz-gelben Mehrheit im Bundesrat vorerst gekippt. Stattdessen soll die Elite der Elite im Rahmen des Nationalen Stipendienprogramms mindestens 300 Euro pro Monat bekommen. Zu dieser ohnehin schon privilegierten Schicht gehöre auch ich.

Ja, ich bin Elite. Ich habe eine deutsche Staatsangehörigkeit. Ich komme aus einer Kleinstadt nahe Münster. Meine Mutter ist Musiklehrerin, mein Vater studierter Mathematiker und Sozialwissenschaftler. Nach der Grundschule – keine Frage – ans Gymnasium. 2008 mein Abitur- mit einer Eins vor dem Komma. Ein Jahr Praktikum und Auslandsaufenthalt. Jetzt bin ich in Düsseldorf und studiere Sozialwissenschaften.

Mein Bruder hatte bereits ein Stipendium. Also warum nicht auch bewerben? Diesen April kam die Zusage von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Klar, warum sollte ich auch abgelehnt werden? Gutes Abi, politisch engagiert, links eingestellt. Da meine Eltern zwar Geld haben, aber nicht viel verdienen, bin ich Bafög-berechtigt und kriege neben der ideelen Förderung (kostenlose Seminare usw.) ein Grundstipendium von 580 Euro pro Monat. Dazu kommen 80 Euro Büchergeld. Insgesamt 660 Euro.

„Dank“ des nationalen Stipendienprogramms, das neue Stipendien schaffen soll, aber auch das elternunabhängige Büchergeld der bereits bestehenden Stipendien der Begabtenförderungswerke auf 300 Euro erhöht, kriege ich demnächst 220 Euro mehr. Insgesamt 880 Euro. 880 Euro dafür, dass ich deutsch bin, dass ich aus einem gebildeten Elternhaus komme und dass ich es mir leisten kann mich zu engagieren anstatt zu arbeiten.

Die neuen Stipendien, die geschaffen werden, betragen „nur“ 300 Euro, sind also komplett elternunabhängig. Vergeben werden sie von den Unis. Das Geld soll zur einen Hälfte vom Staat zur anderen Hälfte von der Wirtschaft kommen. Tatsächlich zahlt jedoch der Staat mehr, weil die Verwaltung von den Unis übernommen wird und Stipendien von der Steuer abgesetzt werden können. Erklärtes Hauptkriterium bei der Vergabe der Stipendien ist Leistung. Dementsprechend viel Wert wird auf gute Noten gelegt. So kann man sich als angehendeR StudierendeR in Düsseldorf beim NRW-Programm „Chancen nutzen“, das als Vorbild für das nationale Programm gilt, gar erst bewerben, wenn man ein Abitur von 1,2 oder besser hat.

Wer bekommt also die Stipendien? Oder besser anders herum: Wer bekommt kein Stipendium? Das sind erstmal alle, die nicht in Deutschland leben, und auch keine Chance haben die Privilegien dieses reichen Landes zu genießen. Das sind außerdem Personen, die illegalisiert in Deutschland leben, und kein Recht auf Schulbildung genießen geschweige denn studieren dürfen. Es sind Personen, die nicht in einem intellektuellen Umfeld aufgewachsen sind. Menschen, die nach vier Grundschuljahren auf die Real-, Haupt- oder “Förder”schule geschickt wurden. Die nach der 10. Klasse eine Ausbildung begonnen haben. Die sich nicht auf Bafög oder Stipendien verlassen konnten, und deshalb gar nicht erst angefangen haben zu studieren. Oder einfach Studierende, deren Noten zu schlecht sind. Von den ohnehin schon wenigen Studierenden aus „Arbeiterfamilien“ erhalten schon jetzt noch viel weniger ein Stipendium.

Was perfekt in die schwarz-gelbe Politik von Leistungswahn und sozialer Selektion passt, ist mit jeglichen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit unvereinbar. Deshalb lehne ich meine Büchergelderhöhung ab und werde mit dem Geld – wenn auch nur als Zeichen des Protestes – Menschen unterstützen, die nicht in meiner privilegierten Position sind. Vorschläge für die Verwendung nehme ich gerne entgegen.

Markus W.

Mehr Infos:

Studis online: Stipendienprogramm doch gerettet, BAföG-Änderung verzögert

Stipendienkritik.de: StipendiatInnen üben Kritik am Nationalen Stipendienprogramm

Studis online: Nationales Stipendienprogramm – Der Staat zahlt das meiste

HIS: Das soziale Profil in der Begabtenförderung - Ergebnisse einer Online-Befragung unter allen Geförderten der elf Begabtenförderungswerke im Oktober 2008 (PDF)


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